Sexuelles Lernen

Was ist Sexualität?

Der Mensch ist ein sexuelles Wesen, das heißt, Sexualität ist eine so grundlegende Lebensäußerung, wie die Atmung oder der Herzschlag. Sexuelle Energie ist Lebensenergie!
Sexualität beginnt schon vor der Geburt. Untersuchungen haben gezeigt, dass es schon im Mutterleib zu “sexuellen” Entladungen kommen kann. Auch bei Säuglingen lässt sich dies beobachten.
Sexuelles Lernen ist selbstentdeckendes Lernen, dies beginnt mit der Geburt. Mit welcher Haltung Eltern auf ihre Kinder in Bezug auf ihren Körper, ihre Genitalien und ihre entdeckendes Spiel reagieren, - dies beginnt schon beim Wickeln – prägt den späteren Erwachsenen in seinem Umgang mit seiner Körperlichkeit und Sexualität.
Die Sexualität eines Menschen ist verbunden mit seiner Persönlichkeit, seiner Lebensgeschichte, seinem Selbstbild als Mann oder Frau und der Gesundheit, bzw. seinem körperlichen Wohlbefinden. Sie ist ein zentraler Bestandteil der Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung.

Wie findet Sexuelles Lernen statt?

Sexuelles Lernen findet in der Regel im Kindes- und Jugendalter als individuelles unbegleitetes Lernen statt. Es gibt Kinder, die von klein an ein selbstentdeckendes Spiel mit ihrer Lust und ihrem Körper praktizieren. Sie entdecken früh die angenehmen Gefühle und die Entspannung, die das Berühren, Streicheln und Stimulieren bringen können. Doktorspiele mit anderen Kindern kommen hinzu. Andere Kinder kommen nicht so früh damit in Kontakt, sie entdecken sie später, hier spielen auch die Signale der Eltern, Verbote oder tabus eine Rolle. Wie entspannt Kinder sich entdecken können, das hängt von der Haltung und Reaktion der Erwachsenen ab.
Im Jugendalter beginnen die meisten Jungen mit der Selbstbefriedigung, mit Beginn der spontanen Ejakulation bekommt das Onanieren einen großen Reiz. Auch dieses Lernen, nämlich, wie ein Junge sich zum Organsmus bringen kann, findet allein ( oft heimlich und leise) und unbegleitet statt.
Mädchen hingegen kommen nicht so leicht dazu, sich selbst zu befriedigen. Auch ihr Sexuelles Lernen findet unbegleitet statt!
In der Studie Jugendsexualität von 2010 sind es gerade 30% der jungen Mädchen, die in der anonymen Befragung bejahen, zu onanieren. Wenn sie dies nicht von Kindheit an praktizieren, entdecken sie die Selbstbefreidigung oft erst später. Viele, bis zu 60% der Frauen, stimulieren sich dabei ausschließlich im Außen, an ihre Klitoris, d.h. sie  entdecken ihre inneren Lustzonen dabei nicht. Da der Haupteil des weiblichen Geschlechts im Inneren des Körpers liegt, ist der Zugang dazu für die Selbstentdeckung nicht so offensichtlich einladend, wie der Penis für die der Jungen.

Die nächste Dimension des Sexuellen Lernens findet in Partnerschaft statt. Die Art und Weise, wie Mann und Frau Sexualität gestalten können, wie Zärtlichkeit und Berührung stattfinden, wie die sexuelle Stimulation praktiziert wird, hängt von vielen Faktoren ab. Dieses Lernen findet in der Regel auch unbegleitet statt.
Hier spielen Neugierde, Kreativität, Freude, Mut und Lust eine Rolle, – direkte Vorbilder gibt es nicht – es sei denn, man versteht “Pornographie” als Vorbild. Die Bilder, die junge Menschen im Internet finden, regen nicht wirklich zu einer liebevollen, entdeckenden Sexualität an.

 Was bedeutet das für die Entwicklung der Fähigkeiten in der Sexualität ?
Es bedeutet, dass es mehr oder weniger dem Zufall überlassen bleibt, was und wieviel ein Mensch sexuell lernt.

Was braucht ein Mensch, um im Sexuellen Lernen erfolgreich sein zu können? Er braucht:

  • einen guten Zugang zu sich selbst und zu seinem Körper
  • schon in der Kindheit Selbsterforschung in entdeckendem, lustvollem Spiel 
  • das Ausprobieren in der Sexualität als wichtiges Bedürfnis in der Jugend
  • Kontakt zu Partner/innen, die ein positives Verhältnis zur Sexualität haben und die offen sind für gemeinsame Erforschung sie sind
  • eine breit gefächerte Gestaltung der gemeinsamen Sexualität
  • die Fähigkeit, über Sexualität und sexuelle Bedürfnisse zu sprechen
  • ein gesundes sexuelles Selbstbewusstsein
  • die Identifikation mit seiner Männlichkeit oder Weiblichkeit
    Dann können sich sexuelle Fähigkeiten gut entwickeln und immer wieder erweitern!

Nun ist es so, dass viele Menschen in ihrer Sexualität an Grenzen stoßen. Unzufriedenheit in der Sexualität mit dem Partner, aber auch Grenzen im persönlichen Erleben sind nicht selten. Ist das subjektive Leiden groß, gibt es Ängste vor Trennung oder individuell, den Partner zu verlieren, dann finden Menschen in die Paar- und Sexualberatung.
Oft ist aber das Tabu so groß, dass man sich nicht traut dorthin zu gehen.
Es ist peinlich und mit Scham behaftet, über sexuelle Probleme zu sprechen. Selbst bei Gynäkolog/innen und Urologen ist es oft eine Hürde, sich als Patient damit zu zeigen.
Dabei handelt es sich häufig bei den Grenzen um nicht vollzogene sexuelle Lernschritte.

Grenzen können zum Beispiel sein:
Beim Mann:

  • Frühzeitige Ejakulation
  • Errektionsprobleme
  • Mangelndes Begehren
  • Sexuelle Aversion

bei der Frau:

  • Fehlende Erregung
  • Sexuelle Aversion ( Sexualphobie )
  • Ausbleibender Orgasmus
  • Schmerzen oder Unbehagen beim Geschlechtsverkehr
  • Vaginismus ( Verkrampfung der Vaginalmuskulatur, die das Eindringen des Penis verhindert) 

Die gute Nachricht ist: In der Sexualität kann man ein Leben lang lernen.
Dieses Lernen muss begleitet werden von Sexologen, Sexualtherapeuten bzw. Menschen, die sich mit den Möglichkeiten des Sexuellen Lernens auskennen.

Die Begleitung von Sexuellem Lernen

Da Sexualität etwas sehr Individuelles ist, ist es wichtig dieses Lernen  individuell zu begleiten. Es geht darum, die vorhandenen sexuellen Fähigkeiten in den Blick zu nehmen und an den Ressourcen anzuknüpfen und neue Lernschritte anzuregen.

Sexuelles Lernen kann aber auch in Gruppen stattfinden, weil der Austausch und das Erfahrungsspektrum der anderen befruchtend und anregend sein kann. Das gilt besonders für Frauen.

Wie kann dieses Lernen aussehen?

Erst einmal geht es um Kenntnisse, um detailliertes Wissen über meine Anatomie und die meines Partners/meiner Partnerin. Ich kann nur das erforschen, wovon ich ein Bild, eine Vorstellung habe. Zum Beispiel kann ich Neues lernen über:

  • Die detaillierte sexuelle Anatomie von Mann und Frau
  • Die Erregungsmodi
  • Die Funktion des Beckenbodens
  • Die Erlebnisfähigkeit des ganzen Körpers
  • Die eigenen Möglichkeiten, lustvoll und sinnlich zu sein
  • Verschiedene Berührungsqualitäten
  • Berührungs- und Stimulationsmöglichkeiten im Genitalbereich
  • Manuelle oder orale Stimulationsmöglichkeiten 
  • usw.

 Dann geht es um praktisches Lernen für die Sexualität, z.B.:

  • Körperliche Wahrnehmung von Spannung und Entspannung
  • Beckenbewegungen und Innenspüren im Beckenraum
  • Beckenbodenerforschung
  • Die Kunst der Berührung
  • Übungen für die Steuerung der Erregung und das Loslassen in der Entladung ( zum Organsmus )
  • Spiel mit Bewegung und  Rhythmus ( z.B. Beschleunigung & Verlangsamung )  Atem und Stimme ( Vertiefung & Intensivierung )
  • usw.

Das körperorientierte Lernen in der Sexualität erfordert Übung und regelmäßiges Training. Es ist wie beim Fahrrad- oder Schwimmenlernen: Zuerst macht man es intentional und bewusst, im Laufe der Zeit verselbständigt es sich und der Körper kann autonom reagieren. Erst dann können sich Lustgefühle einstellen.
Die Fähigkeit in der Sexualität, sich und seine erotischen Reaktionen selbst steuern und loslassen zu können, ist eine Kunst, die kultiviert werden kann.